Freitag, 24. Mai 2013

Streifzug Kim: Neulich beim Einkauf

Freitagabend wurde ich von meinen Freunden Oscar und Ginny zu einem "kleinen gemütlichen Kochabend" eingeladen. Das ganze gestaltete sich dann komplizierter als gedacht, weil sich zwischen meinen beiden Freunden sehr unterschiedliche Vorstellungen davon zeigten, was für so ein nettes kulinarisches Beisammensein wichtig ist.

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Wir trafen uns in Oscars schickem Apartment in Berlin Mitte, das sehr sauber und sehr ordentlich ist. Ginny begutachtete ein bisschen abschätzig Oscars Flachbildschirmfernseher und seine Stereoanlage, aus der Jazztöne klangen, Oscar warf einen leicht irritierten Blick auf Ginnys neuste Rastelocke am Kopf, die sie pink gefärbt hat – davon abgesehen saßen wir sehr harmonisch auf Oscars Balkon und genossen die Aussicht auf das abendlich erleuchtete Brandenburger Tor.

Die Komplikationen fingen an, als wir uns überlegten, was wir essen wollten. Oscars Menüvorschlag war Entenbrustfilet auf Rosmarinkartoffeln mit Sahnesauce. Ginny ist Veganerin. Das heißt, sie isst nichts, für das ein Tier in menschlicher Gefangenschaft leben musste. Sie erklärte uns, dass sie zwar der Gemeinschaft Willen bereit sei, für einen Abend Milchprodukte so wie Käse oder Sahne zu verzehren, sich aber keinenfalls ein Stück totes Tier in den Mund stecken würde.

Ich sah schon, wie Oscar sarkastisch die Augenbrauen hochzog und Ginny heimlich die Hände zu Fäuste ballte, was die typischen Anzeigen für eine lange und ausführliche Grundsatzdisskussion über die Vor- und Nachteile des Fleischverzehrs sind, die sich bis tief in die Nacht ausdehnen kann. Ginny beginnt dabei üblicherweise mit einer detailgetreuen Darstellung von Massentierhaltungslagern, in denen ehemalige Schnitzel und Würstchen vor sich hin leiden bevor sie auf unserem Teller landen, während Oscar die überlegene Stellung des Menschen über dem Tier lobpreist, die er hauptsächlich auf den menschlichen Fleischverzehr zurückführt. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Ginny und Oscar nach ihren Diskussionen jedes Mal noch etwas überzeugter von ihrem eigenen Standpunkt sind und anschließend ein paar Tage nicht mehr miteinander sprechen.

Zum Glück waren die beiden an diesem Abend zu erschöpft, um lange Monologe zu halten – Oscar von den Bankgeschäften die mal wieder äußerst komplex verliefen und Ginny von einer Demonstration bei der sie Stundenlang brüllend im Regen gestanden hatte. Deshalb einigten wir uns überraschend schnell auf Lasagne – Käseüberbackene Nudelplättchen in Tomatensauce und einer Hälfte mit zerbröckeltem Schwein für Oscar (Ginnys Worte), die andere Hälfte mit gummihafter Masse die nach Fleisch schmecken soll (Oscars Worte).

Größere Probleme bereitete dann leider der Einkauf der Zutaten, die wir für unser semi-vegetarisches Gericht benötigten. Zunächst stellte es sich als unmöglich heraus, einen Laden zu finden, der Ginnys und Oscars Ansprüche an einen Lebensmittelverkauf vereinen konnte.

Ginny bestand darauf, dass wir zumindestens Fleisch von Tieren kaufen, die in ihrem Leben schon mal frische Luft geschnuppert haben – und die gibt es ihr zufolge nur in sogenannten Bioläden. Dort kommt das, was man kauft, laut Ginny noch aus einem Stall oder vom Feld und nicht aus gigantischen Massenfabriken. Dafür sind diese Biomärkte wohl auch teurer als andere Läden und das passte Oscar natürlich gar nicht. Er fand das mit dem Fleisch zwar in Ordnung, lehnte es aber regement ab, den gesamten Einkauf in einem Biomarkt zu tätigen.

"Auf gar keinen Fall. Da zahlen wir doch mindestens das Dreifache. Und ich hab's gerade wirklich nicht so dicke. Die Bankgeschäfte laufen überhaupt nicht gut!"
"Man muss eben Prioritäten setzen", keifte Ginny. "Dann verzichte halt mal morgens auf deinen Starbucks Cappuchino. Das Essen im Biomarkt ist wenigstens nicht mit Giften vollgepumpt, so wie in allen anderen Supermärkten."

"Das Essen ist aber nicht meine Priorität", sagte Oscar. "Und von wegen Giften" - er warf Ginny einen kritischen Blick zu, die auf dem Balkon stand und an einer Zigarette zog - "deine Gesundheit kann dir ja auch nicht so wichtig sein, sonst würdest du sicher nicht rauchen."

Es ging noch ein bisschen so weiter und wir beschlossen letztendlich, die verschiedenen Zutaten an verschiedenen Orten zu kaufen. Zuerst besuchten wir einen Laden, der Oscar zufolge das beste Preis-Leistungs Verhältnis hatte.

In dem großen, fensterlosen Raum mit grellem Licht gab es sehr viel Essen. Das meiste war in Plastiktüten verpackt, sodass man den Inhalt gar nicht sehen konnte sondern nur ein Bild davon. Manchmal waren auf den Bildern auch ganze Pflanzen abgebildet (zum Beispiel Apfelbäume) oder essende Menschen, was mich sehr verwunderte; ich kann mir nicht vorstellen, dass die wirklich in den kleinen Verpackungen stecken sollten.
Die Gänge im Laden waren voller Menschen, die ihre Einkaufswägen bis oben hin beluden. Wir blieben vor einem Regal mit roten Dosen stehen, auf denen man Bilder von frischen Tomaten sah. Ginny und Oscar erklärten, dass sich in den Dosen tatsächlich Tomaten befanden die man draußen auf dem Feld geerntet hatte, die aber schon klein gehackt und Schalenbeseitigt waren. Die Tomaten in den Dosen werden nicht schlecht, man kann sie ewig zu Hause lagern und dann aufbrauchen, wenn man gerade nichts zu Essen da hat. Das ganze war mir zwar etwas suspekt, aber praktisch ist es schon, das muss ich sagen.


Oscar ging in die Hocke um die verschiedenen Preisschilder zu vergleichen und die billigste Konserve herauszusuchen. Ginny griff nach der Dose, die er auserwählt hatte und las sich mit zusammengekniffenen Augen die Inhaltsstoffe durch, also das, was man noch zu den Tomaten dazugemischt hatte. Dachte ich mir doch, dass die sich nicht auf magische Weise so lange halten.

"Aha, siehst du mal – Zucker", sagte sie abschätzig. "Und versteckte Fette. Die nehmen wir nicht."
Sie griff nach einer anderen Dose, auf der das Bild ein bisschen schöner aussah. Dafür kostete sie auch zweiundvierzig Cent mehr.
"Da hast du haargenau das gleiche", sagte Oscar in sarkastischem Ton. Sieht nur netter aus."
"Dann müssen wir eben alles bio kaufen", fauchte Ginny.

So ging es noch eine Weile weiter zwischen den beiden. Letztendlich kauften wir die Billigdosentomaten, Lasagneblätter und Käse, der sogar bereits gerieben war. Erstaunlich, wie viel Arbeit einem in so einem Supermarkt schon abgenommen wird. Oscar fand das überhaupt nicht erstaunlich; er erklärte mir, dass es ganze Mahlzeiten gibt die im Laden schon so weit fertig sind, dass man sie zu Hause nur noch aufwärmen muss. Richtige Gerichte wie Lasagne oder Pizza! Oscar zeigte mir ein paar dieser Fertigmahlzeiten in einer kalten Truhe, in der tatsächlich kleine Kartons lagen auf denen man ein Stück Lasagne mit frischen Kräutern und tropfendem Käse sah. "So was kriegt man, wenn man den kleinen Karton in den Ofen schiebt?" Ich konnte es nicht glauben. "Wieso nehmen wir nicht einfach das, anstatt alle Zutaten einzeln zu kaufen und mühsam vorzubereiten?"

"So toll schmecken tut das nicht", gab Oscar zu.
"Und außerdem ist es wahnsinnig ungesund", ergänzte Ginny.

Wir mussten Tomaten, Käse und Nudelblätter auf ein langes Band legen, hinter dem eine Frau saß die alles über eine kleine Maschine zog. Dabei machte die Maschine ein schrilles und unangenehmes Geräusch, das aber niemanden zu stören schien. Ich begrüßte die Frau und sie nickte mir ein bisschen genervt zu. Es war hier wohl nicht üblich, sich zu grüßen. Vielleicht war sie auch überfordert, weil sie gleichzeitig in wahnsinniger Geschwindigkeit unsere Sachen über das Band schob. Ich hätte ihr gerne gesagt, dass sie sich nicht so zu beeilen brauchte, wir hatten ja alle Zeit der Welt, aber da brummte sie schon eine Zahl vor sich hin und Oscar steckte ihr einen Geldschein entgegen.
 "Wir teilen das später durch drei", sagte er zu uns und wir zogen weiter.

Da Ginny gerne Pinienkerne für die Lasagne wollte aber es in dem billigen Markt keine gab, gingen wir anschließend in einen anderen großen Laden, der dem ersten ähnlich war – nur dass hier alles etwas schöner aussah. Das Deckenlicht war warm, Obst und Gemüse glänzten frisch und die Kassen waren fast leer.
 Die Menschen wirkten ein bisschen entspannter und ihre Wägen waren nicht ganz so vollgestopft.
Der Laden war noch größer als der erste und es gab noch viel mehr Auswahl. Ich glaube, man konnte hier fast jede Art von Nahrung erwerben die irgendwo auf der Welt wächst oder hergestellt wird. Selbst Himbeeren und Annanas, dabei war es tiefster Winter! Für jedes Lebensmittel gab es mindestens sechs verschiedene Variationen mit unterschiedlichen Preisen und unterschiedlichen Verpackungen. Es gab bestimmt zehn verschiedene Arten von Tomatenkonserven. Ginny und Oscar schienen den Laden beide nicht so zu mögen.

"Alles ist doppelt so teuer, nur weil es nett hergerichtet ist", brummte Oscar.
Ginny stimmte ihm ausnahmsweise zu. "Wenn man schon bereit ist, mehr Geld für Essen auszugeben, dann sollte man ja wohl das kaufen, was unter guten Bedingungen hergestellt wurde und nicht mit Giften vollgepumpt ist. Nicht das, was einfach nur schön aussieht."
"Tja", sagte Oscar, "so funktioniert der Mensch eben. Zuerst entscheidet der Preis, dann das persönliche Einkaufserlebnis. Wer ist schon bereit, mehr Geld zu zahlen, wenn er selbst nichts davon hat?"
"Man hat ja wohl sehr viel davon, Gemüse ohne Gift zu essen!"

Oscar verdrehte genervt die Augen. "Es ist aber anstrengend, dauernd darüber nachzudenken wo welche Gifte versteckt sind und was ungesund ist und was nicht. In der Zeit beschäftige ich mich lieber mit wichtigeren Dingen."
"Aber man sollte ja wohl wenigstens darüber nachdenken, ob für das, was man kauft, jemand leiden musste. Wenn Tiere gequält werden oder Menschen ausgebeutet", Ginny zog das Wort bedeutsam in die Länge, sie benutzt es sehr häufig, "dann kann man doch ruhig mal vierzig Cent mehr bezahlen, um so etwas nicht zu unterstützen."

"So denkt der Mensch aber nicht. Dinge, die nicht kausal zu erkennen sind, lösen keine emotionale Wirkung aus, deshalb wird ihnen auch keine primäre Wichtigkeit zugemessen." Oscar sah uns mit dem gleichen Blick an, mit dem er uns manchmal etwas über das Bankwesen erklärt. "Wenn wir etwas kaufen, dann sehen wir ja nicht, welche Auswirkungen das für irgendwelche Bauern oder Tiere hat. Deshalb ist es den Leuten auch herzlich egal." Er warf Ginny ein triumphierendes Lächeln zu.
"Sehr traurig", sagte Ginny.

"Tja, so ist es aber. Deshalb macht es auch keinen Sinn, das Wesen des Menschen verändern zu wollen, so wie ihr es mit euren nerventötenden Demonstrationen und diesem ganzen linken Zeugs versucht. Man sollte lieber selbst schauen, wie man am besten zurecht kommt."
Ginny schüttelte heftig den Kopf, sodass ihre Rasterlocke hin und her flog. "Das sehe ich aber ganz anders. Warum gibt es denn plötzlich so eine große Nachfrage an Bioprodukten? Wieso ändern sich überhaupt Dinge in der Welt?..." (Und so weiter).

Es war also doch nicht ganz möglich, dem alltbekannten Streitgespräch zu entkommen, das bei Ginny und Oscar irgendwann immer in einer Grunddebatte über Menschenbilder und Moral endete. Ganz egal, worüber die beiden redeten. Selbst wenn es um so profane Dinge wie das Wetter oder Sockenkauf ging.
Ich war ein bisschen erleichtert, als wir den letzten Einkaufsort betraten. Ein kleines Lädchen, in dem es nach Holz und Seife roch. Es gab weit weniger Auswahl als in den Läden davor, nicht alles steckte in Papier und Plastikfolie und es gab nur eine einzige Kasse, hinter der ein Mann mit Schürze stand. Er begrüßte uns sogar beim Hereinkommen.

Oscar suchte im Kühlregal nach seinem Fleisch, Ginny stand daneben und murmelte ein paar Kommentare vor sich hin. "Der gute Geschmack von Fleisch ist wirklich kein hinreichendes Argument für das unendliche Leid der Tiere, das wir dafür in Kauf nehmen."

Oscar nahm genervt die Hackfleischpackung in die Hand und spielte damit vor Ginnys Nase herum, dabei stieß er ein leises Quiken aus. "Guck mal, ich war mal ein Schweinchen, ich wurde geschlachtet. Und jetzt lande ich gleich auf Oscars Teller. Muahahaha." Er lachte.
Ginny kaufte ihren Fleischersatz, der sogar einen Namen hatte: Hackepeter.
Dann liefen wir endlich zurück zu Oscars Wohnung und begannen das gemütliche Beisammensein.