Donnerstag, 20. Juni 2013

Streifzug Kim: Tante Herda versteht die Welt nicht mehr


"Ich verstehe die Welt nicht mehr", sagt Tante Herda.

Wir sitzen im Cafe Bilderbuch und beobachten ein Mädchen, das vor einem kleinen aufklappbaren Computer sitzt und mit leiser Stimme auf seinen Bildschirm einspricht. Darauf ist ein junger Mann zu sehen, der offenbar vor einer Kamera steht und zu dem Mädchen spricht. Im Hintergrund kann man die Spitze des Big Bens aus London erkennen.

Tante Herda, die eigentlich gar nicht meine Tante ist, sondern die Großmutter eines Freundes mit der ich ab und zu Kaffee trinken gehe, war vor ein paar Jahren in London, deshalb erkennt sie den Big Ben sofort. Ungläubig starrt sie das Mädchen mit dem Laptop an. "Redet die etwa gerade mit dem jungen Mann, der da in London sitzt?"




"Ähm, ich glaube schon." Mir fällt ein, dass Tante Herda sicher keine Ahnng hat, was ein Skypegespräch ist. “Das funktioniert übers Internet, verstehst du...? Telefonieren mit dem Computer. Das geht auch mit Kamera."



"Die Welt ist doch verrückt geworden." Kopfschüttelnd schneidet Herda ein Stück von dem Rhababerkuchen ab, der vor uns liegt und schiebt sich genüßlich ihre Gabel in den Mund. Einen Moment lang lächelt sie zufrieden. "Schön schmeckt der." Sie fährt sich über die Lippen, die wie abgestimmt zu der blassrosa Farbe des Rhababers passen. "Weißt du Kim, was ich früher immer zu meinen Kindern gesagt habe? Stellt euch mal vor, wenn man telefonieren könnte und sich dabei sehen würde!" Sie stößt ein heiseres Lachen aus. "Und jetzt geht das wirklich, sagst du? Das ist doch unglaublich! Ein Wunder!" Sie kneift die Augen zusammen und beäugelt argwöhnisch das Mädchen mit dem Computer.





Ich nicke, obwohl ich es gar nicht so verwunderlich finde, was das Mädchen da tut. Ich skype durchaus selbst gerne, gerade mit Freunden die nicht in Berlin in Deutschland wohnen. Da ist es schon ziemlich praktisch, sich übers Internet unterhalten zu können. Im Gegensatz zu Tante Herda finde ich das nicht unglaublich, sondern relativ normal.



Ich muss unweigerlich an meinen Freund Oscar denken, der fast permanent mit seinem Handy in Kontakt ist und damit im Internet herumstreunert. Er ist rund um die Uhr vernetzt, wie er das nennt, empfängt Nachrichten oder treibt sich auf den virtuellen Seiten von anderen Leuten herum. Tante Herda fände das sicher sehr eigenartig.



In meiner Zeit”, murmelt Herda nachdenklich, “da war alles ganz anders. Da gab es keine Kompjuter und Mehls... Als ich ein junges Mädchen war, da hatten wir keinen Fernseher! Kannst du dir das vorstellen, Kim?” Ihr Blickt zuckt durch den Raum, der gefüllt ist von Leuten die Kaffee trinken und Zeitung lesen und sich leise unterhalten. Klassische Musik dringt aus einem Lautsprecher an der Wand, an der sich große Regale mit Büchern stapeln. Eine Kellnerin eilt hektisch mit einem Tablett umher. Unsicher fährt Herda mit den Fingern über den Stoff des alten Sofas, auf dem sie sitzt. “Die Welt sieht noch ein bisschen so aus wie damals, aber ich glaube, es ist doch nicht mehr diesselbe.”



Du meinst, die Welt ist eine andere geworden?” Ich schiebe mir ein Stück Kuchen in den Mund und versuche mir vorzustellen, wie die Welt aus Herdas Augen wohl aussehen muss. Mit all der Technik, die es noch nicht gab als sie großgeworden ist. muss das sein.




Herda nickt bekräftigend. “Natürlich. Man versteht doch gar nicht mehr, wo die Leute alle hin sind!”



Wie meinst du das, wo sie hin sind?”



Herda deutet mit ihrem lachsfarben lackierten Fingernagel auf das skypende Mädchen. “Ist die jetzt hier oder ist die in London oder irgendwo in ihrem Netz? Man versteht das doch alles nicht mehr. Ich glaube, die Welt ist wirklich aus den Fugen geraten.” Fast ängstlich senkt sie die Stimme “Jeden Abend in der Tagesschau sehe ich diese ganzen Kriege. Terroristen. Die Umwelt geht kaputt. Die Banken haben kein Geld mehr..." Sie piekt einen Kuchenkrümel von ihrem Teller auf. "Da weiß doch selbst die Merkel nicht mehr, was sie tun soll. Wo soll das alles denn nur hinführen? Meinst du, es gibt Leute, die das noch verstehen?"



Ich zucke die Schultern. Eine gute Frage, finde ich. “Aber Kriege und Umweltzestörug und so etwas, das gab es doch schon immer, meinst du nicht? Nur, früher wusste man nichts davon, weil es kein Fernsehen und Internet gab, um all die Informationen zu verbreiten... Die Welt ist heute vernetzt und wir sehen einfach mehr von dem, was da ist, schätze ich”



Globalisierung, schießt es mir durch den Kopf. Ich sage aber nichts aus Angst, Herda noch 
mehr zu verunsichern. Das Wort klingt nach sehr viel Komplexität, nach sehr viel 
Undurchschaubarkeit. Zu viel Entwicklung, zu viele Informationen, ständig und überall. 
Kann das noch irgend jemand überblicken? Wahrscheinich nicht. 
Ist es schlimm, dass gar niemand den Überblick hat? Vielleicht nicht, vielleicht hat sich 
wirklich gar nicht so viel an der Beschaffenheit der Welt an sich geändert. 
Nur, dass wir jetzt ein bisschen mehr über sie wissen. All das Wissen, 
die ganzen Experten, alle haben sie ein bisschen Spezialwissen... 
Müssen wir das Wissen irgendwie zusammen bringen? 
Oder reicht es, dass verschiedene Leute Spezialwissen haben? 
Die Welt scheint ja zu funktionieren. Irgendwie. 
"Vernetzt...", murmelt Herda verständnislos. "Ich verstehe das alles nicht mehr. Diese Sprache... diese ganze Elektronik... die Wirtschaftskrise, Klimawandel... Ich bin ja nicht mehr so lange von dieser Welt." Ihre blassrosa Lippen zittern ein bisschen und ich drücke ihre Hand. "Aber ich hoffe für euch, für die zukünftigen Generationen, dass es Menschen gibt, die das alles verstehen." Sie schaut mich mit einem hoffnungsvollen Blick an. "Du studierst doch Philosophie, oder Kim?"

Ich nicke. "Ja schon, unter anderem."

"Ihr Philosophen wollt doch immer die Welt verstehen, oder? Du wirst herausfinden, was in der Welt passiert, oder? Alles wird gut."

Ich drücke ihre Hand. "Ja, Tante Herda. Alles wird gut."