Dienstag, 9. Juli 2013

Streifzug Kim: Das Netz

Oscar hat sein Handy in die Tonne gekloppt.

 

Als wir uns an einem sonnigen Mittwochnachmittag mit Ginny und Herbert am Maibachufer zum Spazierengehen treffen, fallen mir sofort die glasigen Augen meines Freundes im Anzug auf, die voller Unruhe hin und her zucken. Während wir den sonnenbeleuchteten Landwehrkanal entlang schlendern bleibt er ständig stehen und blickt sich verstohlen um. Als Ginny ihr Handy aus der Tasche kramt, schreckt er unmerklich zusammen und beobachtet das alte Nokiamodell so argwöhnisch, als wäre es ein besonders gefährliches Ungeziefer.

Oscar, kann ich mir mal dein I-Phone ausliehen?”, fragt Ginny im Laufen, während wir uns nach einem freien Plätzchen auf der Wiese umschauen. “Ich will nachschauen wann später meine Bahn fährt...”
Oscar schüttelt den Kopf. “Ich hab mein I-Phone weggeschmissen.”
Was?” Ginny, Herbert und ich bleiben wie angewurzelt stehen.


Weggeschmissen? Dein teures Handy?”, ruft Herbert ungläubig. “Warum das denn?”
Habt ihr nicht von dieser ganzen Überwachungsgeschichte gehört? Snowden, NSA, Geheimdienste... Wir werden doch ausspioniert, die ganze Zeit!“ Oscar lässt resigniert die Schultern hängen und blinzelt ins grelle Sonnenlicht. „Das habt ihr ja wohl mitbekommen?“
Ginny, Herbert und ich nicken bekräftigend.
Ich kann das gar nicht fassen“, sagt Oscar verstört. „All unsere Technik wird überwacht. Handys, Emails, Facebook...“

Ginny zuckt trocken die Schultern. “Das sag ich doch schon immer, dass die verdammten Imperialisten versuchen, die ganze Welt zu kontrollieren. Der freiheitsliebende Westen – ja, ja – nur er selbst darf natürlich aushorchen und schnüffeln wie er will.”

Und du hast wirklich dein Handy weggeschmissen?”, frage ich ungläubig. Oscar ohne Handy finde ich etwa so schwer vorstellbar wie Ginny in Anzug und mit Aktentasche.

All unsere Daten werden abgefangen!” Oscar starrt mich eindringlich an; unter seinen Augen schimmern dunkle Ringe, so als hätte er einige Nächte lang sehr schlecht geschlafen. “Weisst du überhaupt, was das bedeutet? Ich bin doch die ganze Zeit mit meinem I-Phone verbunden, ich kommuniziere nur übers Internet! Also wird alles, was ich tue, an irgendeine Stelle in die Staaten weitergeleitet, die alles kontrolliert. Alles.” Er schaudert. “Das ist doch, das ist doch...” Ihm scheinen die Worte zu fehlen. “Das ist doch unvorstellbar. So kann man doch nicht leben!”


Mich wundert wirklich, dass dich das so überrascht”, meint Ginny. “Die ganze Welt tut so, als hätte sie geglaubt die Amis wären die großen Freiheitsschützer. Und obwohl alle ein bisschen empört sind, kuschen sie doch immernoch vor Obama. Niemand bietet Snowden Asyl an, niemand erwartet, dass sich wirklich etwas ändert. Was die USA und der Westen macht, das muss schon irgendwie okay sein.“ Sie fischt etwas Tabbak aus ihrer Tasche und dreht sich eine Zigarette. „Wenigstens gibt es ein paar wenige Länder, die sich nicht vom Westen einschüchtern lassen. Russland, Venezuela...“

Denen ist Überwachung natürlich ein totales Fremdwort“, sagt Oscar sarkastisch. „Man kann der gesamten Welt nicht mehr trauen.“

Herbert schnaubt. “Ich verstehe die ganze Aufregung überhaupt nicht. Was ist denn so schrecklich daran, wenn ein paar Emails oder Telefonate von diesen Geheimdiensten abgehört werden? Die wollen doch nur ihre Bürger beschützen. Wer nichts zu verstecken hat, der hat doch auch nichts zu befürchten.”

Ach ja”, fährt Ginny ihr verärgert an, “und wer hat die Macht zu bestimmen, wer verdächtig ist? Die Superweltpolizei oder was? Und die hat natürlich überhaupt kein Eigeninteresse, hä?”

Es geht doch darum, vor dem Terrorismus zu schützen! Ich werde lieber ein bisschen überwacht, als Angst haben zu müssen, auf dem Potsdamer Platz von einer Bombe in die Luft gejagt zu werden. Es ist mir ehrlich gesagt schnurzpiepegal wenn jemand, den ich gar nicht kenne, meine Emails liest. Da steht doch nichts Geheimes drin.”
Tss..” Ginny pfeift durch die Zähne.

Wir lassen uns auf der Wiese am Wasser nieder; Oscar inspiziert ein paar Zigarettenstummel im Gras, bevor er sich setzt.
Das mit dem Terrorismus ist doch nur ein billiger Trick um die ganze Spionage zu rechtfertigen”, sagt Ginny. „Angst wirkt eben bei den Leuten.”

Die Freiheit der Bürger ist das allerhöchste Gut”, murmelt Oscar und starrt aufs vorbeifließende Wasser des Landwehrkanals. “Sie ist mit allen Mitteln zu schützen. Alles, was wir tun, kann zurückverfolgt werden. Habt ihr euch das mal ausgemalt?“

Vor meinem inneren Auge taucht das Bild eines riesigen Spinnennetzes auf, dessen unsichtbare Fäden sich durch die ganze Welt gesponnen haben. Wer ist diese gigantische Spinne, die da spinnt? Und wer sind die Fliegen, die sie in ihr Netz wickelt? 


„Dann gibt es überall geheime Fäden und Netze, die wir nicht sehen?“, frage ich.

„Überall“, murmelt Oscar resigniert. „Die Welt ist nicht so, wie sie für uns aussieht.“

„Und wer ist die Spinne?“

„Was für eine Spinne?“, fragt Herbert irritiert.

„Die Supermächte“, sagt Ginny im selben Moment. Sie stößt Rauch aus ihrem Mund. „Die USA und der Westen, die versuchen, die ganze Welt zu kontrollieren.“

Die USA, der Westen?“ Frage mich und überlege, wen genau ich mir darunter vorstellen kann. Obama? Angela Merkel? „Und warum wollen die uns kontrollieren?“

„Weil sie Macht haben wollen, natürlich. Macht über die ganze Welt.“

„Dann ist es wirklich eine einzige riesige Spinne, die nach ihrem Plan ihr Netz wickelt?“

Nachdenklich starre ich aufs grünliche Wasser, das in der Sonne schimmert. „Meint ihr nicht, es sind vielleicht viele kleine Spinnen, die alle einen Teil vom Netz gesponnen haben? Ohne zu wissen, was die anderen tun? Was die großen Konsequenzen ihres eigenen kleinen Handelnds sind? Und plötzlich spannen sich die Fäden über die ganze Welt. Nur, niemand hat das eigenständig geplant. Niemand ist verantwortlich. Ich glaube, da hat sich ein System verselbstständigt.“

„Wie im Jobcenter“, wirft Herbert ein. „da macht auch jeder einen kleinen Teil der Arbeit und niemand hat den Gesamtüberblick.“

Auf jeden Fall kann ja niemand diese ganzen Datenmengen auswerten“, sagt Oscar. „Das sind ja viel zu viele. Vielleicht war es nicht von einem Menschen geplant, uns alle zu kontrollieren. Aber dass Leute theoreisch auf alle unsere Daten Zugriff haben und sie systematisch abhören, das ist doch fatal! Es geht ums Prinzip der Freiheit!”

Ginny nickt zustimmend. Big Brother is watching you. Wir sind nicht frei.”

Wirklich nie?”, frage ich und muss an meinen Freund Savinda denken, der weder ein Handy noch einen Computer hat. “Was ist denn, wenn man gar keine Technik benutzt? Im Wald zum Beispiel, da kann einen niemand überwachen, oder?”


Stimmt”, räumt Oscar ein, “es hängt natürlich alles an der Technik. Deshalb werde ich auch alles einstellen, was überwacht wird. Googlemail, Facebook, Twitter... das wird sehr hart.“ Seine Stimme bekommt einen leicht dramatischen Tonfall. „Ich werde von der ganzen Welt abgeschnitten sein. Meine Geschäftskunden, meine Kollegen, meine Freunde, Veranstaltungen… finito. Ich werde ein einsamer Mann werden.“

Also heißt das, wieder weg von der Technik?”, frage ich.
Oscar nickt. “Wieder weg von der Technik.”
Back to nature”, sagt Ginny halb scherzend, halb ernst.

Herbert wirft den beiden einen kopfschüttelnden Blick zu. “Als ob heute noch irgendetwas ohne Technik funktionieren würde. Das Jobcenter würde sofort zusammenbrechen ohne Computer und Internet, das kann ich euch aber sagen.”

Auf dem Heimweg muss ich daran denken, was Tante Herda neulich gesagt hat: die Welt ist aus den Fugen geraten. Vielleicht hat sie Recht. Zu Hause angekommen unterschreibe ich im Internet schnell noch eine Petition die verlangt, dass man Snowden Asyl gewährt. Eine Woche später hat sich Oscar ein neues I-Phone gekauft. Später machen zusammen mit Savinda einen langen Spaziergang durch den Wald.