Dienstag, 29. Juli 2014

Kommentar Kim: Zeit im Sommer


Im Sommer scheint die Zeit verrückt zu spielen.

Obwohl die Tage so viel länger sind, verrinnen Juni, Juli und August zwischen den Fingern wie der Schweiß, der sich auf den Hautporen sammelt. Lauwarme Nächte ziehen vorbei, heiße Nachmittage unterm Schatten der Sonnenschirme, Morgenstunden in denen ich von Hitze aus dem Bett getrieben werde. Ein paar Male in den See springen, schon wechselt ein Monat den nächsten ab.
 
Und doch sind da so viele Momente, in denen die Zeit stehen bleibt. Sich ausdehnt, langsam und genüsslich wie eine große bunte Seifenblase. Ich ziehe durch Berlin und sehe Menschen in Cafès, schweigend mit der Zunge über ihre Oberlippe fahrend um den Schaum des Cappucchinos fortzuwischen, schweigend in die Sonne blinzelnd, mit geschlossenen Augen. Berliner lächeln plötzlich vor dem Supermarkt, bleiben stehen um dem Motzverkäufer ein paar Cents zuzustecken, weil sie selber so zufrieden sind. Am Maybachufer liegen Pärchen, stundenlang aufs schmutzig grüne Wasser starrend. Ich sehe in den wolkenlosen Himmel und lasse Gedanken vorbeiziehen wie die schwache Brise, die ab und zu durch die Bäume weht.

 
Dann sind da die Erinnerungen an vergangene Sommer, De-Ja-Vùs von ganz genau diesen Momenten. Tagsüber barfuß auf warmem Asphalt schlendern, abends den Grillen beim Zirpen zuhören, Augenblicke die im Herbst zerplatzen wie die Seifenblasen auf  den Open-Airs auf denen junge, schöne Menschen zu Elektromusik tanzen. So zauberhaft die Momente auch sind, im Verlauf der Jahre merke ich, dass sie sich wiederholen. Ich sitze an denselben Orten in der Sonne, wandere durch dieselben warmen Straßen mit denselben zufriedenen Gedanken, denselben glücklichen Leuten um mich herum.

 
Manchmal überkommt mich im Sommer diese seltsame Melancholie. Weil ich merke, wie schnell die Zeit verrinnt und dass sich wenig wirklich ändert. Vielleicht wäre es Zeit für etwas Neues. Endlich das verwirklichen, wovon ich träume, wenn das Gras mich an den Füßen kitzelt und ich mein Gesicht dem Licht entgegenstrecke. Die langen Tage nutzen, um große Pläne zu realisieren. Handeln statt Momente auszudehnen. Kreativ sein statt nur dazusitzen und zu tanzen.

 
Im Sommer überkommt mich das Gefühl, die stehen gebliebene Zeit im richtigen Augenblick ergreifen zu müssen, weil sie vorbeizieht wie ein rasender Zug. Träume in Realität verwandeln, weil das belanglose Träumen unter wolkenlosem Himmel mir die Kraft schenkt, Träume zu verwirklichen. Ein Paradox. Savinda sagte mal, Zeit sei eine Illusion. Vielleicht entblößt sich der Charakter ihres Scheins in der Verrücktheit, die Zeit im Sommer zu spielen scheint.