Donnerstag, 17. Juli 2014

Streifzug Kim: Und der Ball rollt ins Netz


Schon lange habe ich nicht mehr so viele Menschen weinen sehen, wie in den letzten paar Wochen. Mal waren es Freudentränen, mal Sturzbäche der Enttäuschung, manchmal aufrichtige, bodenlose Verzweiflung die einem das Herz zerschnitt. Gleiches gilt für Freude und Jubel. Springende Menschen die sich in die Arme fallen, Entzückungsschreie, fassungsloses Staunen vor Entzückung. Selbst die sonst so lässig-gleichgültigen Gesichtsausdrücke der Berliner sind wie verzaubert. Dabei ist es nur ein kleiner Ball, der ins Tor rollt. 


Die Fußball-WM verwandelt die Welt um mich herum, so viel steht fest.

Abgesehen von dem Mehr an öffentlich ausgedrückten Gefühlen im sonst so emotionslosen Alltagsleben, das man in Berlin normalerweise mit bewusst ausdrucksloser Mine durchschreitet - eine Mine auf die man hier sehr stolz ist und die sich selbst durch Nachrichten von katastrophalsten Kriegsgeschehen und Naturkatastrophen im Berliner Fenster höchstens durch ein kurzes Stirnrunzeln erschüttern lässt - abgesehen davon gibt es plötzlich auch ein Gesprächsthema, dass sich durch alle Sphären der Stadt zieht. 


Ob in nächtlichen U-Bahnschächten, tags an der Straße des 17. Juli oder in den Vorlesungssälen der Uni, überall wird das letzte Tor von Müller und die Flanke von Schweini kommentiert. 
Normalerweise ist es schon eine Herausforderung, bei Familienbesuchen ein Thema zu finden, das fünf Leute am Tisch halbwechs interessiert – jetzt liefert jedes neue Deutschlandspiel Gesprächsstoff für ganze Nächte. 
Wie eine eigenartige Seuche hat sich die Präsenz der Weltmeisterschaft unsichtbar in der Stadt ausgebreitet und alle infiziert. 
Selbst diejenigen, die sich explizit als Anti beschreiben, selbst die lassen es sich nicht nehmen, bei beliebiger Gelegenheit das Thema Fußball anzuschneiden, um die Gründe für ihre Anti-Haltung mit der größten Inbrunst politischer Überzeugung darzulegen. 


Meine Freundin Ginny zählt zu diesen Menschen. 
„Ich kann den Fussball-Hype so was von gar nicht verstehen“, betont sie und schaut mit geringschätzigem Blick einem Mann hinterher, der sich von oben bis unten mit einem rot-weiß-gold gestreiften Samtstoff verhüllt hat.

Wir sitzen in einem Cafè am Mehringdamm in Kreuzberg. 

Oscar lauscht wie gebannt dem Moderator aus einem der Fernsehbildschirme um uns herum. Das muntere Geplapper vermischt sich mit dem Lärm der vorbeirauschenden Autos. 
Neben ihm beobachtet Savinda eine Gruppe Halbwüchsiger, die singend vorbeiziehen.

„Deutschlaand, Deutschlaand….“



Ginny funkelt verärgert ihren wehenden Fahnen hinterher. „Echt, wenn die sich mal für irgendwas anderes so einsetzen würden wie für Fußball. Diese ganzen Massen… Die Welt wäre dann so was von anders!“

Oscar wirft ihr einen kurzen, spöttischen Blick zu. „Und für was sollten sie sich bitte einsetzen?“


„Keine Ahnung, könnte ja wohl alles sein, was in der Welt verdammt noch mal scheiße läuft.“ Sie klopft mit ihrer Mateflasche auf den Tisch. „Flüchtlingsrechte zum Beispiel.“

„Ach ja, und bei dem Thema wären sich alle einig, für was man auf die Straße gehen sollte, ja?“ 
Oscar starrt wieder auf den Fernseher, auf dem jetzt ein Meer aus Deutschlandfahnen zu sehen ist. Von nackten Armen werden sie in die Höhe geschwenkt. 

 
„Armutseinwanderung, Sozialschmarotzer, Wachstumgsgefahr… die Debatten gibt’s alle nicht, oder wie? Nö, alles sind sich einig, dass man für mehr Flüchtlingsrechte kämpfen sollte. Tzz.“ 
Er pfeift durch die Zähne. „Wenn die Leute anfangen würden, sich darüber einer Meinung zu sein, für was man kämpfen sollte, dann wäre die Welt sowieso anders.“

Ich sehe meinen Freund interessiert an. „Meinst du, deshalb sind alle so begeistert vom Fußball? Weil es eine Sache ist, in der es keine“, ich suche kurz nach dem richtigen Wort, „moralischen Konflikte gibt?“


Ginny beginnt, laut zu husten.

„Kann sein. Auf jeden Fall ist es heutzutage das einzige, das alle irgendwie zusammenhält, oder?“


Ich muss eine Weile über Oscars Worte nachdenken. Tatsächlich ist es doch faszinierend, dass diese Weltmeisterschaft so viele Menschen berührt. 

Ich schaue ein paar Mädchen mit grell blondierten Haaren hinterher, die im Chor „Schalalalala“ gröhlen. 
Zwei ältere Damen mit Plüschhüten in Deutschlandfarben auf dem Kopf schlendern vorbei. 
Ein flanierendes Paar in Krawatte und Stöckelschuhen bleibt stehen und späht auf den Fernsehbildschirm. 
So verschiedene Menschen aus den verwegensten und verwinkelsten Ecken der Gesellschaft, und alle fiebern sie mit. Nur weil ein paar Spieler ein Spielchen spielen. 
Was ist es, das uns alle an der Weltmeisterschaft begeistert? Oder sind wir deshalb so begeistert, weil sie alle bewegt? 


Was sonst reist so viele Menschen mit? 
Schulunterricht fällt aus, Arbeitszeit wird abgesagt, bloß weil irgendein Halbfinale stattfindet. In der Bar am Kottbusser Tor gibt es Umsonst-Shots für alle, wenn Deutschland ein Tor schießt. 
Die gewöhnlichen Regeln des Alltags werden für kurze Zeit ausgesetzt und durch Spielregeln ersetzt.

Nicht nur in dieser Stadt, sondern in weiten Teilen auf der Welt!



„Wir leben in the Postmoderne“, hat mein Künstlerfreund Dave neulich gesagt, „where everything goes. Alles driftet auseinander. Glauben, Religion, Lebenskonzepte, Vorstellungen… Jeder lebt in seiner eigenen Welt.“

Vielleicht hat Dave Recht – ist Fußball deshalb so populär? 

Weil es das einzige übriggebliebene Teilchen ist im zerrüttelten Mosaik der globalisierten Welt, das alle irgendwie verbindet? 
Ein Symbol, an das wir uns inmitten unserer individualisierten, postmodernen Einsamkeit festklammern?

Aber wieso? Wieso gerade diese Sportweltmeisterschaft? 
Weil Fußball so einfach ist? Ein Ball, ein Tor und klare Regeln. Ein Gewinner und ein Verlierer. 
Es gibt weder moralische Debatten noch aufeinanderprallende Überzeugungen um die man streiten muss. 
Das Konzept ist gesetzt und unverwüstlich, wie ein gottgegebenes Gesetz, an das alle glauben.


„Als ob das so wäre“, brummt Ginny und reißt mich aus meinen Gedanken. „Als ob es beim Fußball nicht um Moral und Politik gehen würde – das wird doch bloß verdrängt. Habt ihr die ganzen Proteste nicht gesehen, in Brasilien, wo die Menschen auf die Straße gehen, weil Millionen in neue Fußballstadien gesteckt werden statt in Krankenversorgung für die Leute in den Vawelas?“


„Das ist traurig“, nickt Savinda betrübt.



„Und trotzdem siehst sogar du dir die Fußballspiele an!“ Ginny wirft ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Dabei sollte man die Spiele boykottieren!“ Sie dreht dem Fernseher neben ihr demonstrativ den Rücken zu, ein nicht besonders erfolgreich Unterfangen, weil sie sich damit gleich zum nächsten Bildschirm gegenüber wendet.



„Aber es ist einfach so schön, wenn alle Menschen sich gemeinsam freuen.“ Savinda hebt entschuldigend die Arme, sein gelber Umhang flattert im Wind. „Dieser Jubel, der alle vereint. Egal, wer um einen herum ist, in dem Moment, in dem der Ball ins Tor schießt – da freuen sich alle zusammen. Plötzlich gibt es keine Trennung mehr.“ Savindas Augen blitzen. „Zwischen meiner und deiner Freude, verstehst du?“


Eine feine Gänsehaut kribbelt mir über den Arm. Wahrscheinlich hat Savinda Recht. 
Es ist ein schönes Gefühl, sich mit so vielen Menschen zusammen über eine Sache zu freuen. Aufzugehen in der geteilten Euphorie einer Masse. Teil von etwas Großem zu sein. 
Auch wenn es nur wegen eines kleinen Balles in einem Netz ist. 
Wahrscheinlich ist der Auslöser für dieses Massenphänomen wirklich egal,  der Ball ist eine Metapher. 
Was zählt, ist das Gefühl der reinen, kollektiven Freude im Moment des Jubels. 


„Aber es wäre doch so viel besser, sich über irgendetwas anderes zu freuen.“ Ginny lässt nicht locker. „Warum gerade über die Herren-Fußball-Weltmeisterschaft? Ein primitives Spiel? Da geht’s doch um nichts! Warum ist es plötzlich wichtig, wer so ein bescheuertes Spiel gewinnt?“


„Du denkst viel zu rational, Ginny“, meint Savinda streng. 
„Es geht nicht um Sinn und Zweck. Glaub mir, in dem Moment, in dem dieser Löwe“ (er deutet auf den Fernsehbildschirm, wo ein Mann im Anzug entzückt die Fäuste in die Luft schlägt) „in dem der sich so freut, da geht es nicht ums Geld oder um seinen Beruf oder die Angst, ihn zu verlieren, wenn seine Mannschaft nicht gut spielt. Zukunftsgedanken spielen da gar keine Rolle mehr.“ 
Savinda schüttelt bedeutungsvoll den Kopf, seie lagen grauen Haare fliegen hin und her. 
„Es geht um den Augenblick. Das, was in dem Moment passiert, das kannst du nicht mit der üblichen Mittel-Zweck-Logik erklären.“ 
Savinda lächelt begeistert in sich hinein. „Das ist ja das Tolle.“ Er schlürft an seinem Mango Lassi Getränk und murmelt dabei schmatzend: „Fußball erinnert uns daran, dass es noch eine andere Logik gibt als die, die wir im Alltag kennen.“


„Trotzdem“, beharrt Ginny eindringlich, „dieser ganze Nationalismus! Leute, die plötzlich Deutschland gröhlen, das ist doch scheiße! Das kannst du doch nicht einfach ausblenden.“

Im Fernsehen wird eine Gruppe von Männern mit Bierflaschen in der Hand gezeigt, die sich Deutschland auf die Stirn gepinselt haben. Der eine brüllt mit hochrotem Kopf: „So sehen Sieger aus, Schalalalala...“


„Mit solchen Asis zusammen will ich mich überhaupt nicht freuen. Und dieser aufflammende Nationalismus macht mir Angst. Gerade bei der Deutschen Vergangenheit!“


„Mann, Ginny – wieso sitzt du überhaupt hier, wenn du alles so scheiße findest“, sagt Oscar genervt. „Wehe, du machst das auch während dem Spiel….“

„Was soll in denn sonst um diese Uhrzeit machen“, meint Ginny beleidigt – „alle schauen Fussball, überall. Es gibt kein Entkommen. Wisst ihr was – ich wette, die Leute würden den ganzen Hype gar nicht mitmachen, wenn sie nicht ständig dazu genötigt würden. Ich sage euch, wenn plötzlich überall – der Schutz des Regenwaldes, oder irgend so was – wenn es da plötzlich Songs und Werbung und den ganzen Scheiß gäbe, da würden alle genauso drauf abgehen! Das ist alles Manipulation von oben!“ 
Sie schnipst in die Finger, wie um ihre Worte geräuschvoll zu untermalen. „Die Leute wollen, dass wir uns für Fußball interessieren, damit wir die wichtigen Sachen vergessen. Und wir machen alle mit! Und produzieren dazu noch mehr Nationalismus, als gäbe es davon nicht schon genug.“


„Na und“, sagt Oscar, „so ist das eben. Der Mensch ist nationalistisch. Wir brauchen was, mit dem wir uns identifizieren. Familie, Ethnie, Nation - so ist das eben. Wieso versuchst du eigentlich ständig, die Natur des Menschen zu ändern? Sei doch froh, dass der Nationalismus beim Fußball so friedlich ausgetragen wird. Nicht wie im Irak, wo die Menschen sich wegen so was die Köpfe einschlagen.“


Savinda schüttelt heftig den Kopf. „Es gehört sicher nicht zur Natur des Menschen, sich mit einer bestimmten Gruppe zu identifizieren. Da muss ich Ginny aber Recht geben.“

„Da glaube ich aber schon“, meint Oscar.

„Aber nein. Das ist alles Illusion. Künstliche Trennung in unseren Köpfen!“ Savinda stößt einen Seufzer aus. 
„Diese ganze Weltmeisterschaft zeigt doch, was für ein großes Potential in unserer Welt steckt. Möglichkeiten der Verbindung von Menschen! Etwas neues Erleben, das nicht unserer normalen Logik entspricht.“ 
Sein Gesicht erhellt sich. „Stellt euch vor, das gäbe es irgendwann auch unabhängig vom Fußball. Ohne Trennung zwischen Nationen, ohne Anlass durch gesetzte Regeln von diesem Fpfiffa-Verein.“


„Fifa“, knurrt Ginny.


Das Spiel beginnt. Am Ende jubeln wir und in dem Moment, in dem die ganze Straße aufschreit, in dem mir der unbekannte alte Mann neben mir glücklich auf die Schultern klopft und Oscar kleine Sprünge macht, in dem Moment wo mein Herz rast und mich grenzenlose Freude durchströmt, obwohl mir dieser Ball im Tor doch eigentlich egal ist, da wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass ich diesen Augenblick festhalten kann. Ich will die Zeit, die plötzlich still steht festhalten, einfangen, um irgendwann wieder eine Prise davon zu verteilen. 
In überfüllten U-Bahnhöfen am Morgen oder den Warteräumen vor dem Jobcenter. Ich verspüre eine tiefe Sehnsucht danach, dass das, was Savinda sagt, wahr wird. Dass es Momente wie diese auch ohne Fußball gibt. 
Wieso kann die Welt nicht immer so sein, wie wenn der Ball ins Tor rollt?