Freitag, 24. Mai 2013

Streifzug Kim: Klamottenkauf

"Concious Collection". Das strahlende Lächeln der schönen und sehr dünnen Frau im Flatterkleid blickt auf mich herab und erhellt den Laden.
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Die Suche nach einer neuen Hose hat sich schon jetzt zur kleinen Exkursion ausgeweitet. Herausfordernd ist nicht nur das Durchforsten des Dickichts aus Kleidermassen, von gestreiften Strumpfhosen über Schwangerschaftspullover bis zur Spitzenunterwäsche.

Nein, als ich dann endlich vor der Hosenabteilung stehe, werde ich mit der nächsten Schwerigkeit konfrontiert: eine Auswahl an englischsprachigen Begriffen von denen für mich im Zusammenang mit Hosen keiner einen Sinn ergibt: Steingewaschen, super mager oder Freundesstil. Zum Glück klärt mich eine geduldige Frau, die gelangweilt vor einem Haufen mit zerknüllten Jeans steht die sie mechanisch zusammen faltet, über die Bedeutung von stonewashed Jeans und Hosenschnitten wie dem boyfriend- und super-skinny style auf. Während ich mich noch über die Fremdsprachenfreundlichkeit des Ladens wunderte, entdecke ich das Plakat.

Concious Collection. Nachhaltigere Kleidung steht darunter. Was hat das schon wieder zu bedeuten, frage ich mich. Die geduldige Frau mit dem gelangweilten Gesicht vor dem Hosenberg sieht aus, als könnte sie sich über etwas Ablenkung freuen. Kein Wunder, angesichts ihrer Sisyphosarbeit, denn ständig schlendern Leute vorbei und nehmen die Hosen, die sie sorgsam zusammen gefaltet hat, wieder auseinander, um sie gleich darauf zerküllt zurück zu werfen. Ich beobachte den eigenartigen Kreislauf eine Weile, dann spreche ich die Frau an und frage nach der Bedeutung des Werbeplakats.

Diesmal schaut die Frau mich etwas erschrocken an. "Was Concious Collection heißt? Öhm, dafür bin ich eigentlich nicht zuständig. Ich leite hier nur die Jeansabteilung.”

"Aber wissen Sie denn gar nicht, was das Plakat zu bedeuten hat?” Seltsam, finde ich, wo sie doch sogar in dem Laden arbeitet. Wenn sie die Aufschrift schon nicht versteht, für wen hängt sie dann da?
Die Frau schüttelt den Kopf, verspricht aber, ihre Kollegin zu fragen. Sie wirkt tatsächlich erleichtert, ihre Sisyphosarbeit kurz unterbrechen zu können. Gleich darauf steht eine Frau in schwarzem Anzug vor mir, die genauso strahlend lächelt wie die Dame auf dem Plakat.

"Sie interessieren sich für die Hintergründe der Concious Collection und unsere Sustainability Politik?”
"Wie bitte?”, frage ich irritiert.
"Unsere Nachhaltigkeitspolitik”, erklärt die Frau mit begeisterter Stimme. "Soziale und ökologische Nachhaltigkeit spielt für unser Unternehmen jetzt eine ganz wichtige Rolle. Ich leite das Sustainability Team in unserer Filiale.” Mit breitem Lächeln entblößt sie ihre glänzend weißen Zähne. "Wir haben eine Vision, wissen Sie. People, planet and profit. Wir glauben, dass der Schlüssel zum langfristigen Erfolg darin liegt, sich der engen Verknüpfung dieser drei Elemente bewusst zu sein.”

Ihre Worte erinnern mich an Dinge, die mein Freund Savinda manchmal sagt, wenn er vom Universum und spiritueller Erleichtung spricht. Ich schaute mich etwas zweifelnd in dem Laden um. Irgendwie passen ihre Worte besser in Savindas Meditationszentrum als in den riesigen, klimatisierten Raum mit den vielen überfüllten Tischen und Regalen voller Kleidung, durch den wummernde Technomusik schallt.
"Ich weiß”, sagt die Frau, die meinen Blick wohl aufgefangen hat, "das klingt für viele zunächst etwas überraschend, unser Haus hatte da ja auf Grund gewisser Kinderarbeitsskandale...”
"Kinderarbeit?”

"Tja, Sie wissen ja, in vielen Ländern gibt es andere Standards, was die Arbeitsbedingungen angeht. Bangladesch, Indonesien... da ist es leider durchaus üblich, dass Kinder in Fabriken arbeiten, statt in die Schule zu gehen.” Bedauernd zieht die Frau ihre Augenbrauen hoch, die mit einem dünnen Strich untermalt sind.
"Ach”, sage ich überrascht. "Kommen die Leute, die bei Ihnen arbeiten, denn alle aus dem Ausland?” Von den VerkäuferInnen im Laden die ich bisher gesehen habe wirkten die meisten eher wenig fremdländisch.
"Na ja, die Kleidung wird ja im Ausland hergestellt. Unsere Liferanten kommen natürlich aus dem Ausland.”
"Wirklich? Und dann werden die ganzen Klamotten extra von Bangladesch oder Indonesien nach Berlin gefahren? Warum das denn?”

"Nun ja, die Arbeitsbedingungen im Ausland unterscheiden sich eben doch von denen hier bei uns, in ihrer... ja... Effizienz für unser Unternehmen.” Die Frau räuspert sich und streicht ihre Bluse glatt. "Wir müssen natürlich auch wirtschaftlich denken und wettbewerbsfähig bleiben. Wir können nicht plötzlich allen das doppelte an Löhnen zahlen, verstehen Sie? Und das wäre die Konsequenz, wenn wir nur noch NäherInnen aus Berlin anstellen.” Sie wirft mir einen beinahe vorwufsvollen Blick zu, so als wäre ich an dieser Misere Schuld. "Dann scheiden wir eben vom Markt aus, und andere Kleidungsmarken führen ihre Ausbeutungspolitik weiter. Das ist sicher auch keine nachhaltige Lösung.”
"Ausbeutungspolitik?”, frage ich erschrocken.
"Sie wissen schon... das geht ja ständig durch die Medien. Billiglöhne die nicht für die Existenz der Arbeiter ausreichen, Arbeitsschichten von sechzehn Stunden am Stück, Gewalt am Arbeitsplatz, Berührungen mit giftigen Chemikalien...”

Ich schaue die Frau entsetzt an. "Das alles passiert mit den Leuten, die die Hosen hier nähen?”
Ungläbig werfe ich einen Blick an der strahlenden Frau vorbei durch den Laden. Er ist gefüllt von Leuten, die sich Kleidung über die Arme geworfen haben und fröhlich von einem Regal zum nächsten schlendern. Die Technomusik verbreitet eine locker-leichte Atmosphäre, die zu der hochmodernen Einrichtung mit riesigen Spiegeln und glänzenden Regalen passt. Ob die Leute alle wissen, dass die Klamotten, die sie herumtragen, von Menschen gemacht sind die dafür ausgebeutet wurden?
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"Sehen Sie denn keine Nachrichten?”, fragt die Frau verwundert. "Das ist doch gerade sehr aktuell. Die Brände in Textilfirmen, die gerade durch die Medien gingen...”
"Brände?” Ich erinnere mich vage an ein paar Bilder von dunklen, ausgebrannten Räumen, die ich neulich in den Nachrichten gesehen habe. Ich hatte ja keine Ahnung dass die aus den Fabriken kamen, in denen die Kleidung hier hergestellt wird. "Wie furchtbar. Gab es da nicht auch Tote und Verletzte?”
,Leider ja.” Die Frau nickt bedauernd und beißt sich auf die Unterlippe. "Über hundert Arbeiterinnen und Arbeiter sind gestorben.”

"Wie schrecklich! Warum denn?”
"In den Fabriken gab es keine Notausgänge.” Mittlerweile hat das strahlende Lächeln der Frau nachgelassen. Stattdessen sieht sie mich mit ernster Mine an. "Das liegt an den Lieferanten im Ausland, auf Sicherheits- und Gesundheitsvorkehrungen wird da leider kein großer Wert gelegt.”
"Aber wenn Sie das wissen, wieso arbeiten Sie dann mit diesen Leuten zusammen? Gibt es denn keine Lieferanten, die anständig mit ihren ArbeiterInnen umgehen?”

Die Frau stößt einen Seufzer aus. "So einfach ist das nicht. Man kann ja nicht immer kontrollieren, was die Lieferanten machen. Sie haben keine Ahnung, wie komplex das alles ist, in Asien und Afrika und Osteuropa... Es gibt auch die Lieferanten von Lieferanten und Sublieferanten... Sie glauben gar nicht, wie viel Zeit und Geld es kostet, alle zu überprüfen. Und leider”, sie hält kurz inne, sieht sich für einen Moment um und senkt die Stimme: "Leider steht unser Unternehmen auch nicht an allererster Stelle für nachhaltige Kleidung. Wir zeichnen uns für Mode zum besten Preis aus. Das ist auch unseren KundInnen wichtiger, als dass es den ArbeiterInnen irgendwo im fernen Osten gut geht.” Sie zuckt die Schultern.

"Achso. Dann werden die Leute so schlecht bezahlt, weil die Klamotten, die sie nähen, so billig sind?”
"Das hängt nicht immer unbedingt zusammen. Es gibt auch teure Luxusmode, die unter schlechten Arbeitsbedingungen hergestellt wurde”, klärt die Frau mich auf. "Von dem Preis für ein T-Shirt geht sowieso höchstens 20 Prozent an die Löhne für NäherInnen. Aber natürlich gibt es auch Marken, die sich extra durch ihre Nachaltigkeit auszeichnen. Da müssen Sie dann aber auch einiges mehr für bezahlen. Dass man für 5 Euro wahrscheinlich kein T-Shirt bekommt, das besonders fair hergestellt wurde, das dürfte wohl jedem klar sein.” Sie macht eine kurze Pause und ich starre auf die dunkelblaue Hose in meiner Hand. Von wem die wohl genäht wurde? Etwa auch von jemandem, der studenlang in einer dunklen Fabrik ohne Notausgänge arbeiten musste? Wie furchtbar.

"Aber, Dinge verbessern sich”, sagte die Frau, die meinen unwohlen Blick wohl bemerkt hat. Sie setzt ein nachsichtiges Lächeln auf. "Es ist ein langer und schwieriger Prozess zu mehr Nachhaltigkeit. Aber wir übernehmen jetzt Verantwortung. Bei uns gibt es jetzt einen Code of Conduct, wir kommunizieren mit externen Stakeholdern und überprüfen alle concious actions.” Ihre Stimmlage schnellt wieder nach oben. Stolz richtet sie sich auf.

Da ich nicht ganz verstehe, was ihre Worte konkret bedeuten, halte ich noch mal auf die Hose in meiner Hand hoch. "Heißt das, dass diese Jeans jetzt nicht mehr von ausgebeuteten Menschen gemacht wurde?”
"Na ja, es wäre natürlich falsch zu behaupten, dass wir garantieren können dass es zu keinen Verletzungen unseres Verhaltenskodex kommt”, meint die Frau vage. "Ich habe Ihnen ja erklärt, wie schwierig und wie zeitaufwendig und kostenspielig die ganze Überprüfungsangelegenheit ist. Aber wie all unsere Aktivitäten ist auch unser Nachhaltigkeitsengagement vom Streben nach ständiger Verbesserung geprägt. Lesen Sie sich doch unseren Bericht mit den Concious Actions 2012 durch, da finden Sie alle Highlights rund um das Thema Nachhaltigkeit.” Jetzt strahlt sie wieder wie die Frau auf dem Plakat über uns.

Ich bedanke mich für die freundliche Auskunft und lege unauffällig die Hose in meiner Hand zurück auf den großen Haufen. Beim Hinausgehen sehe ich einen Tisch in der Ecke, auf dem groß "Nachhaltigkeit zu fairem Preis” steht. Scheinbar ist das die faire Kleidung, die dafür ein bisschen teurer ist. Der Tisch ist menschenleer. Ein Stück weiter stauen sich die Leute vor einem Regal mit der Aufschrift "Super-Sale.”
Hastig verlasse ich den Laden.