Freitag, 24. Mai 2013

Streifzug Ulli: Studienberatung Teil I: Optimierung der persönlichen Arbeitsprozesse

„Der Grund, weshalb ich Sie hergebeten habe, ist die Änderung der Rahmenstudienprüfungsordnung.“, erklärt der junge Mann auf der anderen Seite des Tisches gewichtig.

Ich schauen mich im kleinen Büro des 60er-Jahre-Baus um. Wieso haben die eigentlich so wenig Licht in ihren Büros? Vielleicht wäre Herr Engelsbach etwas entspannter, wenn ich das Rollo mal richtig öffnen würde? Vielleicht sollte er auch einfach mal diesen engen Hemdknopf an seinem Hals öffnen.
Während ich noch überlege, ihn darauf anzusprechen, fährt er fort:

„Der Akademische Senat hat dem aktuellen Berliner Hochschulgesetz entsprechend eine neue Rahmenstudienprüfungsordnung für alle Bachelor- und Masterstudiengänge erlassen. Langzeitstudenten können somit sofortig exmatrikuliert werden. Das wissen Sie doch, oder?“
„Ähm... ich bin bezüglich der Studien-Bachelor...äh...Bachelor-Ordnungsstudien nicht so ganz informiert.“

„Also hören Sie mal, haben Sie denn nichts von diesem ganzen Tumult überall mitbekommen?“
Ich denke zurück und erinnere mich dunkel daran, wie ich nicht in meine Vorlesung gehen konnte, weil das Gebäude von Polizisten abgesperrt war und davor zahlreiche Studenten mit Musik und Megafon auf und ab liefen. Als ich einen freundlichen Kommilitonen mit langen verfilzten Haaren, roter Fahne und einem Stapel Flyer in der Hand fragte, was hier passiere, erklärte er mir: „Neue RPSO, das kommt alles von den Lohnarbeits-Abhängigkeitsverhältnissen und vom Kapital.“ Ich war mir nicht ganz sicher, wie er das genau meinte, aber als ich nochmal nachfragte, wurde er ungeduldig und drückte mir nur seinen Flyer in die Hand, auf dem stand: „Wir brauchen eine kommunistische Revolution, alles andere ist in letzter Instanz Bullshit.“ Verstanden habe ich das nicht so ganz, aber es kam mir ein bisschen merkwürdig vor.

Mit zutiefst besorgtem Blick spricht nun Herr Engelsbach weiter:
„Sie haben die Regelstudienzeit von sechs Semestern bei weitem überschritten. Ich muss Sie nicht darauf hinweisen, dass dies ein schwerwiegendes Problem darstellt. Meine Aufgabe ist es nun, über Ihre Situation zu entscheiden. Bitte fassen Sie deshalb in wenigen Worten zusammen, was Sie sich von Ihrem Studium versprechen.“

„Hmm...Ich will einen möglichst breiten Überblick über verschiedene Weisen, die Welt zu begreifen und zu beurteilen, gewinnen. Außerdem möchte ich mich tiefer mit Fragestellungen des menschlichen Seins auseinandersetzen um herauszufinden, welchen weiteren Weg ich selbst gehen möchte.“
Herr Engelsbach seufzt. „Jaja, das alte Humboldtsche Bildungsideal, angereichert mit einem Schuss Esoterik. Selbstentfaltung durch Bildung, Hervorbringung autonomer und kritischer Individuen und so fort... Heute sind wir an dieser Stelle aber ein Stück weiter oder sagen wir, zumindest ein Stück schneller. Zeiten ändern sich.“ Er lächelt auf einmal erfreut.

„Sie müssen mit Ihren Bildungskompetenzen auf dem globalen Markt wettbewerbsfähig bleiben und Ihre Ambitionen frühzeitig in feste strukturelle Konzepte fassen. Bildung ist eine wichtige Ressource des kulturellen Kapitals und gehört unmittelbar in die richtigen Bahnen gelenkt. Darum möchte ich Ihnen helfen, einige allgemeinverbindliche wesentliche Basiskompetenzen zu entwickeln, damit auch Sie eine Chance auf dem internationalen Berufsmarkt erhalten können.

Sind Sie damit einverstanden?“
„Werde ich sonst exmatrikuliert?“
„Mit sofortiger Wirkung.“
„Na dann...also schon.“
„Sehr schön, dass Sie sich kooperationsbereit zeigen.

Zur Sache: In unser Internetplattform Campus Management haben Sie fast keinen einzigen relevanten Leistungsnachweis erbracht. Sie haben z.B. keinerlei Kurs aus dem Teilmodul 'Fachsprachliche Kompetenz' belegt. Wie ist das als Bachelorstudent der C-Studien- und Prüfungsordnung des 90 Leistungspunktemoduls möglich?“

„Also, Fachsprache war bisher nicht so sehr mein Schwerpunkt, es ging mir eher um Inhalte...“
„Wie die Kommunikationswissenschaften lehren sind fachsprachliche Kompetenzen die Basis jeglicher wissenschaftlicher individual- und sozialkommunikativer Handlungen.“
Herr Engelsbach sitzt nun Kerzengerade auf seinem Stuhl und strafft sein Jackett.

„Ähm..sicherlich.“
„Genau! Was haben Sie denn eigentlich dort in der Hand? Papierscheine? Das sind ja Praktiken aus dem letzten Jahrhundert. Es kann schon sein, dass dies in Ihrem Fachbereich möglich ist, aber Sie wissen schon, dass es essentiell für den Erwerb von Modulprüfungsleistungsnachweisen ist, sich online im Campus Management anzumelden?“
„Das funktioniert bei vielen Kursen halt nicht.“
„Sehr richtig. Das ist unser Regulativ um ein zielorientierteres Studium zu ermöglichen und die Zahl der überflüssig belegten Lehrveranstaltungen zu minimieren. Dennoch, jetzt zeigen Sie diese Papierscheine bitte mal her.“

Während er durch den großen Papierhaufen blättert, ließt er stirnrunzelnd einige ausgewählte Seminartitel vor: „'Kosmologien', 'Kapitalismus als kulturelle Praxis', 'Erfahrung als Selbst'.“
Ich beobachte, wie sich die Falten auf seiner Stirn immer enger zusammenziehen, als er fortfährt:
'Transzendentalphilosophie', 'Sein und Zeit', 'Was ist Wahrheit? Was können wir wissen?', (Herr Engelsbach hustet plötzlich kräftig.) 'Die diskursive Konstruktion der Wirklichkeit', 'Die Welt als Wille und Vorstellung', 'Idealismus und Außenwelt-Skeptizismus'...“

„Also, wissen Sie, das ist ja alles schön und gut und ich kenne mich auch in Ihrem Arbeitsbereich nicht aus, aber vielleicht sollten Sie an Ihrer Zielorientiertheit und Ihrem Zeitmanagement arbeiten. Die Welt ist eben doch nicht nur Wille und Vorstellung, das wissen wir dann schon. Außerdem sollte man sein Sein auch in der Zeit organisieren können, sonst holt einen die Wirklichkeit schnell ein.“

Die Frau am Schreibtisch auf der anderen Seite des Raumes schlürft geräuschvoll ihrer dritte Teetasse. Sie sieht irgendwie entspannter aus als mein Sachbearbeiter, wenn auch ein bisschen in sich zusammengesunken. Vielleicht könnte ich sie mal fragen, ob sie Herrn Engelsbach nicht auch eine Tasse Tee anbieten möchte, das wäre sicher auch gut gegen seinen Husten und würde die Falten auf seiner Stirn entspannen. Sie ist aber gerade intensiv damit beschäftigt, bei Facebook unter sämtliche Robbie Williams-Alben auf den Like-Daumen zu klicken.

Während ich noch versuche, die Aufmerksamkeit seiner Mitarbeiterin zu gewinnen, vertieft er sich kopfschüttelnd in mein studentisches Profil in seinem Computer. Seine Stimme wird ernst, als er fortfährt: „Gut. Ich werde mir jetzt trotz des beschäftigten Betriebs hier ausgiebig Zeit für Sie nehmen, weil ich das Gefühl habe, in Ihnen ein fehlgeleitetes Potential vorzufinden. Sie sind schon 23. Sie müssen Ihr Abitur sehr spät gemacht haben und mit dem Studium scheinen Sie auch erst mit großer Verzögerung begonnen zu haben. Und darüber hinaus liegt bei Ihnen noch ein Fachwechsel vor. Das kann zu unschönen Lücken in Ihrem Lebenslauf führen.“

Die Frau gießt sich die vierte Teetasse ein.

„Strukturieren wir also unser Vorgehen. Ihr Problem scheint schließlich nicht zu sein, dass Sie zu wenige Kurse belegen“, erklärt er mit einem skeptischen Seitenblick zum aufgetürmten Stapel der Papierscheine, „sondern die Priorisierung in der Auswahl. Es fehlen Ihnen sämtliche Kurse aus dem 30-LP-Modul ABV. Vielleicht sollten wir dort ansetzen.“

Auf meinen fragenden Blick hin kommt er erneut ins Kopfschütteln.
„Sie wissen nicht einmal, was das ist, oder? Haben Sie die neue Prüfungsordnung denn gar nicht gelesen? Das ist Ihre 'Allgemeine Berufsvorbereitung'. Wir müssen Sie nun zügig auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Ich kann Ihnen dabei einige sicherlich hilfreiche Empfehlungen nahelegen, wenn Sie mit mir zusammen einen Blick in das Vorlesungsverzeichnis werfen möchten.“
Seine Mine hellt sich plötzlich auf und er streicht sich seinen Anzug glatt. Ich freue mich mit ihm, weil sich die Falten auf seiner Stirn wieder etwas glätten.

„Schauen Sie mal, dies scheint mir besonders geeignet für Ihren konkreten Fall: 'Optimierung der persönlichen Arbeitsprozesse'. Zur Beschreibung: 'Qualifikationsziel des Seminars ist es, Ihnen die für Ihr effizientes berufliches Handeln erforderlichen Lern- und Arbeitstechniken, insbesondere der gängigen quantitativen Methoden des Selbst- und Zeitmanagements, sowie Techniken der Ziel- und Prioritätensetzung zu vermitteln.'“

Herr Engelsbach wirft mir einen erfreuten Blick zu. „Zusätzlich empfehle ich Ihnen noch eines der folgenden Seminare: 'Jobtalk', 'Assessmentcenter', 'Selbstmarketing im Beruf' oder 'Business Knigge'. Was halten Sie davon?“
„Naja, ich hatte mal Knigge in meinem Tanzkurs, aber da kam ich zu spät und habe mich dann nicht mit der richtigen Formel entschuldigt, was dann zu einem Problem wurde...“
„Es geht hier um Ihr Berufsleben! Konzentrieren Sie sich bitte.“ Herr Engelsbach sieht nun sichtlich erzürnt aus und alle Falten kehren auf einen Schlag zurück.

„Ich denke, in Ihrem Fall sollen wir ein bisschen grundlegender ausholen. Dies hier ist ein außeruniversitäres Zusatzangebot, das ich Ihnen dringlich ans Herz legen möchte.“
Er reicht mir einen orangen Prospekt über den Tisch: Der lächelnde Mann mit der Krawatte und dem Aktenordner, der darauf abgebildet ist, lehnt lässig an einer Wand. Über Ihm thront der Titel der Broschüre, darunter befindet sich eine nähere Beschreibung:

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Ich schlucke. „Also, eigentlich geht es mir ja nicht nur um Geschwindigkeit...“
und zucke gleich darauf zusammen, als sich Seine Mine wieder verdüstert. „Aber ich werde Ihr freundliches Angebot sicherlich in Betracht ziehen. Und, wenn ich jetzt einen der besagten Kurse aus dem Modul Allgemeine Berufsvorbereitung belege, würden Sie mir dann vielleicht diesen Antrag auf Studienverlängerung unterschreiben?“

Herr Engelsbachs Hand zerknautscht nun energisch die ordentlich gebügelte Krawatte. „Ich würde Ihrem Sinn für Planungseffizienz selbstverständlich gerne Glauben schenken, aber das scheint mir problematisch. Ich möchte Ihnen eine nachdrückliche Empfehlung geben. Ich weiß, dass die psychologische Zwangsberatung bei Langzeitstudenten aufgrund von Studentenprotesten vorläufig nicht Teil der neuen Rahmenstudienprüfungsordnung geworden ist. Dennoch lege ich es Ihnen nahe, Peter Luckmeier zu konsultieren. Er ist der Leiter unserer psychologischen Beratungsabteilung und ein kompetenter Neuropsychologe und Verhaltenstherapeut. Er wird ihre Leistungsmotivationsbereitschaft mit einem Persönlichkeitstest der Prüfung unterziehen. Dadurch besitzt er die nötigen Mittel, Ihre persönliche Leistungsverfassung objektiver zu bewerten, als wir beide es sind. Wenn die Testergebnisse vorliegen, erwarte ich Sie erneut in der Sprechstunde. Ich werde Peter direkt kontaktieren.“

Als er schwungvoll den Telefonhörer hochhebt bedanke ich mich eilig und verlasse zügigen Schrittes den Raum. Draußen atme ich einmal tief durch.