Samstag, 1. Juni 2013

Streifzug Kim: Freiheit statt Freizeit? Das bedingungslose Grundeinkommen

Anlässlich des Geburtstags meines Freundes Herbert, der in einem Jobcenter in Neukölln arbeitet, sitzen wir an einem lauen Frühlingsabend im Biergarten und sprechen über das bedingungslose Grundeinkommen.

Herbert, ein rundlicher Mann mit graumeliertem Haar, das an einigen Stellen schon zur Glatze neigt, befindet sich eigenen Aussagen zufolge gerade in einer Lebenskrise des mittleren Alters. Er ist unzufrieden mit seiner Arbeit, die ihm jeden Tag spiegelt, wie sinnlos und ungerecht das Leben ist. Er hat keine Freunde und wollte sich ursprünglich zum Geburtstag mit einer Flasche Wein in die Badwanne zu setzen. Um ihn aufzuheitern, habe ich ein paar Freunde eingeladen. Jetzt sitzen wir in dem Efeubewachsenen Garten im Hinterhof einer Neuköllner Kneipe.




Oscar, der heute ein Börsenschnäppchen gemacht hat und sich deshalb in hervorragender Stimmung befindet, hat zur Feier des Tages hat er eine Runde Getränke für alle ausgegeben. Herbert trinkt Wein, Ginny und ich Bier, Dave, dessen Gesicht hinter einer antiken Spiegelreflexkamera verschwunden ist, Clubmate mit Vodka. Savinda schlürft Mangolassi und Oscar hat sich einen Whiskey Bourbon genehmigt. Er prostet Herbert zu, der sein Weinglas hebt und mit gequältem Lächeln zurückprostet.

“Alles Gute und Glückliche im neuen Lebensjahr. Erfolg, Reichtum, Wachstum...”
“Ja, ja. Lass gut sein." Herbert hebt abwehrend die Hände und fährt sich mit bedrückter Mine über seine Halbglatze. “Dazu wird es wohl kaum mehr kommen...”

Die bunte Runde an unserem Tisch sticht sichtbar aus dem Publikum aus älteren türkischen Herrschaften und jungen StudentInnen hervor. Trotzdem scheint sich niemand darüber zu wundern, dass Dave am laufenden Band Fotos schießt mit einer Kamera, die ihre besten Jahre schon hinter sich hat, oder dass Savinda barfuß herumläuft.


“Ach Herbert.” Ginny knufft den Mann in die Seite und hebt ebenfalls ihr Glas. “Lass dich doch nicht immer so unterkriegen.”
“Ja, ja, du hast gut Reden.” Herbert nimmt seine Brille ab und putzt ausgiebig  die beschlagenen Gläser. “Wenn du wüsstest, wie furchtbar es ist, jeden Tag zur Arbeit zu gehen... immer diese faulen Leute, die nicht arbeiten wollen. Und dieser ständige Papierkram mit dem ich mich beschäftige, der macht mich ganz krank.”

Oscar nippt an seinem Whiskey und schenkt der vorbeiziehenden Kellnerin ein wohlwollendes Lächeln. “Das liegt an dem vollkommen überholten Arbeitslosensystem, in dem du da arbeitest, auf das sich der deutsche Staat leider Gottes immernoch bezieht. Nichts als Bürokratie, für die der Steuerzahler aufkommen muss.” Er schüttelt abschätzig den Kopf. “Ich habe das mal durchgerechnet. Es wäre viel effizienter, ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen.”

Ich werfe Oscar einen interessierten Blick zu. "Bedingungslos?" Das Wort habe ich noch nie aus seinem Mund gehört. Auch Savinda sieht  auf und seine Mine erhellt sich. Lautstark zieht er an seinem Strohhalm.

Oscar nickt und lehnt sich in seinem Stuhl zurück. “Wenn man die ganzen Bedürftigkeitszahlungen vereinfacht und den Aufwand der Bedürftigkeitsprüfung streicht, dann spart man so viel Geld, dass man jedem Bürger ein Grundeinkommen auszahlen könnte.“

“Dann wäre ich ja arbeitslos”, murmelt Herbert mit düsterer Mine.
“Na und? Dann würdest du ja ein Grundeinkommen beziehen und könntest effektivere Dinge tun als sinnentleerte Verwaltungsarbeit, die niemandem etwas nützt."



Ich erinnere mich, dass ich bei den letzten Berliner Wahlen etwas von einem bedingungslosen Grundeinkommen auf den Plakaten einer der Parteien gelesen habe. "Das heißt doch, jeder Bürger soll einen bestimmten Betrag an Geld im Monat bekommen, mit dem seine Existenz und seine gesellschaftliche Teilhabe abgesichert ist, stimmt’s? Egal, ob er arbeitet oder wie viel er verdient, oder? Hatten das nicht die Piratenpartei in ihrem Programm?”

“Piratenpartei”, sagt Oscar abschätzig und nippt an seinem Whiskey. “Du weißt genau, dass ich mich ganz der FDP verschrieben habe. Das bedingungslose Grundeinkommen entspricht aber absolut meinen liberalen und ökonomischen Interessen. Gerade verfließt doch immenses Steuergeld in einem vollkommen unnötigen Bürokratieapparat der so tut, als wäre Arbeitslosigkeit ein vorübergehendes Problem."

“Das ist es ja auch", wirft Ginny ein. "Arbeitslosigkeit ist ein strukturelles und systeminhärentes Problem des Kapitalismus.” Sie klopft mit der Faust auf den Tisch, Dave schießt ein paar Fotos von ihr. “Für mich klingt dieses bedingungslose Grundeinkommen ganz nach einer Masche der Elite, um sich vor Mindestlöhnen und Vollzeitanstellungen zu drücken.”

Oscar verdreht die Augen. “Das Grundeinkommen hat doch nichts mit dem Mindestlohn zu tun, das ist eine ganz andere Debatte. Aber ist ja mal wieder typisch für dich und deine Leute, dass ihr einfach alles zusammen werft..." Er kippt seinen Whiskey herunter. "Und von wegen Vollzeitanstellung, das  ist es ja gerade. Es kann keine Vollzeitanstellungen für alle geben, weil gar nicht genug Arbeit für alle da ist.”

“Natürlich ist genug Arbeit für alle da!” Erzürnt starrt sie Oscar an.
Herbert nickt zustimmend. “Wer arbeiten will, der findet auch Arbeit. Würde so ein bedingungsloses Grundeinkommen etwa bedeuten, dass selbst die faulen Leute, die gar nicht arbeiten wollen, einfach Geld vom Staat bekommen?”

Savinda zieht an seinem Strohhalm und wirft Herbert einen strengen Blick zu. “Faule Menschen, fleißige Menschen... es ist doch alles eins! Man sollte allen Menschen bedingungslos Geben, damit sie sich frei entfalten können.”

Dave, der bis dahin permanent durch sein Objektiv gestarrt hat,  lässt die Kamera langsam sinken. “That's true." Er schlägt die Beine übereinander, seine neongrünen Socken kommen zum Vorschein. "Freie Entfaltung. Ich fände ein bedingungsloses Grundeinkommen great. Dann könnte ich mich endlich ganz frei in der Kunst entfalten und müsste nicht mehr in der Agentur arbeiten, um Geld zu verdienen.”

“Ja, ja.” Oscar winkt der Kellnerin zu, um sich noch einen Whiskey zu bestellen. “Auf jeden Fall  hätten mehr Kleinunternehmer und Leute mit Innovation eine finanzielle Grundlage, um erfolgreich durchzustarten.“



"Unsinn." Herbert rümpft die Nase. "Wenn jeder ein Grundeinkommen bekommt, dann will doch niemand mehr arbeiten."

"Wieso müssen denn alle Menschen unbedingt arbeiten?" Oscar lächelt der Kellnerin zu, die seinen Whiskey auf dem Tisch abstellt. "Gesellschaft wurde immer von einer Elite getragen. Die meisten Arbeitslätze brauchen wir überhaupt nicht mehr, damit unser Land funktioniert. Wir leben doch in Zeiten der Industrialisierung, mittlerweile haben eben die Maschinen einen Großteil der Arbeit übernommen." Triumphierend sieht er in die Runde. "Warum sollten manche Leute nicht einfach das Leben genießen, wenn sie nicht arbeiten wollen?“

"Auf Kosten von Papa Staat, ja?", sagt Herbert sichtlich verärgert.

"Warum soll es besser sein, einer Arbeit nachzugehen, die keiner braucht? Wir sind ein reiches Land und es ist genug Geld für alle da, solange die wichtigen Sektoren, funktionieren. So wie der Wirtschaftszweig."

"Und die Kunst. Art, das ist auch sehr wichtig!“, wirft Dave mit ernster Mine ein.

"Ja, ja. Auf jeden Fall  muss ein großer Teil der Arbeit nicht mehr von Menschen gemacht werden. Wieso also nicht einfach den Leuten ihr Geld zum Leben geben und sie machen lassen, was sie wollen, statt sie in sinnlose Jobs zu zwingen?”

„Richtig.“ Savinda nickt langsam. „Zwang und Existenzangst, das sind keine Grundlagen für ein spirituelles und selbstbestimmtes Leben.“ Er beginnt Däumchen zu drehen. „Wenn alle Menschen frei wären zu entscheiden, was sie tun wollen… das wäre ja ein ganz neuer Schritt in der Menschheitsgeschiche! Dann geht es im Alltag nicht mehr um die Frage des Überlebens, sondern endlich um die Frage des Seins! Dann ist Raum für die tiefen spirituellen Fragen.“

“Spirituelle Fragen?”, wiederholt Herbert. Er streicht seinen Schnauzbart glatt und starrt Savinda kopfschüttelnd an. “Dann verblöden die Leute vor dem Fernseher, weil sie keinen Antrieb zur Arbeit mehr haben!”



Ginn wirft ihm einen fuchsigen Blick zu. „Ach ja? Würdest du denn nicht mehr arbeiten, wenn du ein Grundeinkommen hättest?“

Herbert trinkt etwas Wein und schürft die Lippen. „Na ja, ich würde vielleicht schon noch arbeiten. Man braucht ja auch so was wie einen Alltag. Aber weniger. Damit ich mehr Zeit zum Angeln gehen hab.“ Ein kleines Lächeln zeigt sich auf seinen Lippen, offenbar beim Gedanken an seine Fische. „Auf jeden Fall würde ich nicht mehr im Jobcenter arbeiten.“

„Würdest du etwa auch artist werden wollen?“, wirft Dave ein. Mit besorgter Mine knibbelt er am Schild seiner Clubmate Flasche. „Wenn alle ein Grundeinkommen haben, vielleicht wollen sich dann alle freestyle in der Kunst entfalten. Dann sind die people aus der Branche überhaupt nicht mehr exklusiv. Das wäre ja awful!“

„Das glaube kaum“, sagt Herbet zweifelnd. „Die Leute, die zu mir ins Jobcenter kommen, sind größtenteils auch keine Künstler. Das sind doch alles Schlawiner, die am liebsten vor dem Fernseher sitzen und den Staat um sein Geld bringen. Die würden durch so ein Grundeinkommen noch gestärkt werden.”

“Das ist vielleicht die Unterschicht”, sagt Oscar trocken. “Die wird es immer geben. Wer nicht arbeiten will, der kann auch von Harz 4 leben, das ist doch jetzt schon so. Die Mittelschicht wird weiter arbeiten, auch mit bedingungslosem Grundeinkommen. An dem Anreiz, mehr Geld zu verdienen, verändert sich doch überhaupt nichts. Meinst du, die Leute wollen sich mit einem Grundeinkommen zufrieden geben? Der Mensch strebt immer nach mehr Geld! Sonst würde ja niemand arbeiten, der aus einem guten Elternhaus stammt.“

„Geld, Geld, Geld… Der Mensch findet doch auch Erfüllung in seiner Arbeit“, wirft Ginny ein.  „Das Problem ist doch, dass die sinnvollen Jobs nicht vernünftig bezahlt werden. Der Pflegesektor zum Beispiel. Und die ganze ehrenamtliche Arbeit die Menschen machen, um echte Probleme so wie Hunger und Armut zu bekämpfen. Wir brauchen kein bedingungsloses Grundeinkommen, sondern einen Mindestlohn und eine gerechte Umverteilung von Geld!”

“I don't understand”, meint Dave und schaut Ginny über den breiten Rand seiner Brille hinweg an. “Wenn du schon ein Grundeinkommen hast, dann kannst du doch ehrenamtlich arbeiten, ohne dafür bezahlt zu werden. Ich mache doch auch meine Kunst und kriege fast kein Geld dafür. Ich finde es schwachsinnig immer so zu trennen zwischen work und freetime. Man muss doch einfach leben. Go with the flow. Nicht nur arbeiten wie eine Maschine.”

Savinda nickt strahlend. „Bedingungslose Freiheit würde so viele menschliche Potentiale freisetzen! Mehr Zeit für Spiritualität, für die Sinnfrage, für das Miteinander…“

„Für politisches Engagement und die echten Weltprobleme vielleicht“, korrigiert Ginny.



“So ein Unsinn”, sagt Herbert kopfschüttelnd. “Wer soll denn dann die ganzen unangenehmen Jobs machen, wie... Toiletten putzen oder im Supermarkt arbeiten?”

“Die müssten eben endlich mal besser bezahlt werden”, wirft Ginny ein. Nachdenklich kaut sie an ihrer Unterlippe herum. “Trotzdem gefällt es mir nicht, dass ein Millionär auch ein Grundeinkommen kriegen soll – das gleiche wie die arme Putzfrau. Das ist doch ungerecht.”

„Jeder sollte kriegen, was er verdient“, murmelt Herbert zustimmend in seinen Wein.

“Ach ja, und im Moment ist besonders gerecht oder was?“ Oscar zieht sarkastisch die Augenbrauen hoch. "Du glaubst doch nicht etwa, dass unser jetziges Steuersystem für deine Putzfrau besonders nett ist?"

Plötzlich fällt mir etwas ein. „Ich bekomme doch Bafög vom Staat, dafür, dass ich studiere. Das ist doch auch schon ein bisschen wie ein Grundeinkommen, oder?“

Savindas Augen funkeln vor Begeisterung. „Siehst du und das ermöglicht dir, dich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen. Endlich kann der Mensch frei entscheiden, wem oder was er sein Leben widmen möchte. Ohne Zwang und ohne Angst.“ Begeistert schaut er Oscar an. „Wo kann ich unterschreiben, damit dieses Grundeinkommen eingeführt wird?“